Die unergründliche Komik der Depression – Houellebecqs Elementarteilchen

Elementarteilchen, oder: Rettet das Semikolon. Ich mag das Semikolon ja; ich halte es für ein sehr unterschätztes Satzzeichen. In einer derartigen Häufigkeit wie in diesem Roman habe ich es jedoch noch nie zur Anwendung kommen sehen. Es hat fast ein wenig genervt.

Zum Buch: Mehrere haben bereits an mehreren Stellen bemerkt, wie ungemein depressiv Elementarteilchen sei. Das stimmt. Houellebecq treibt die Depression, die Hoffnungslosigkeit, all die Grausamkeit und all das Hässliche aber derart auf die Spitze, dass es ins Absurde kippt. Bis diese Absurdität schließlich einen Grad erreicht, der dem Leser die Wahl lässt: entweder aufgrund der alles verschlingenden Schwärze hemmungslos zu weinen oder angesichts der Kuriosität dieses Biestes namens Leben (=Ausdruck irgendwo geklaut) schallend zu lachen.

Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Ich fand Elementarteilchen tatsächlich ziemlich komisch.

Erstaunlicherweise war ich weniger genervt von den Protagonisten, als ich es erwartet hatte. Diese Protagonisten, die nie erwachsen werden, die nie reifen, die immer andere für ihr Schicksal verantwortlich machen, aber nie selbst Verantwortung für ihr Leben übernehmen: In Die Möglichkeit einer Insel hat mich das fast wahnsinnig gemacht. Elementarteilchen ist auf dieser Ebene nur halb so schlimm. Brunos Verzweiflung, seine Getriebenheit: Auf einer gewissen Ebene kann ich das nachvollziehen. Michel ist zu emotionslos, zu autistisch für irgendwelche Schuldzuweisungen; ich weiß nicht, ob ich ihn für diese Emotionslosigkeit bemitleiden oder ihn darum beneiden soll. Jedenfalls weckte er, so unwahrscheinlich das klingt, meine Sympathie.

Man kann Elementarteilchen vielleicht als große Komödie über die Sinnlosigkeit der Sinnsuche lesen – wenn man das will. Vielleicht habe ich damit etwas fürchterlich missverstanden. Vielleicht eigne ich mich auch einfach nicht zur Depression. Oder aber ich habe die Sinnlosigkeit des individuellen Daseins selbst schon so sehr akzeptiert, dass mir jede Sinnsuche als dermaßen komplett absurd erscheint, wie sie in diesem Roman beschrieben wird.

Genau da liegt aber auch die Falle von Elementarteilchen. Denn natürlich singt das Buch wieder einmal das alte (und sehr postmodernde) Lied von dem, was bleibt, wenn eine Gesellschaft alle Werte und jeden Sinn verloren hat; was bleibt, wenn Individualismus und Pragmatismus regieren und eine Leere lassen, die eine sinnlose Welt scheinbar nicht füllen kann. Darin ist das Buch fast schon reaktionär. (Wo sind eigentlich die Schriftsteller, die den Wertewandel im Zug der Postmoderne, wenn es denn überhaupt einen gab, als etwas Positives darstellen? Die die Abwesenheit von Sinn nicht als Leere, sondern als Chance begreifen? Habe ich die verpasst? Ich treffe immer nur auf die Mahner und Warner.)
Fast schon reaktionär; ja – aber eben doch nicht vollkommen rückwärtsgewandt. Und es ist klug und auf zynische Weise witzig – ich bleibe dabei (Zyniker sind enttäuschte Romantiker, sagte mal jemand, und hatte damit wahrscheinlich recht). Interessanterweise sehe ich den Hass nicht, den so viele andere in diesem Buch sehen, bzw. ich sehe ihn als Mittel zum Zweck. Elementarteilchen ist ein zuweilen böses Buch, das Gutes will. Dass meine Vorstellung von „Gut und Böse“ – bzw. meine Nichtvorstellung, die Abwesenheit dieser Vorstellung – vielleicht ein wenig von Houellebecqs Auffassung abweicht, macht es nur interessanter.

Elementarteilchen ist natürlich ein Kandidat für die Ewigenliste, vielleicht sogar für die Top Ten (blöderweise habe ich die Liste gelöscht und weiß jetzt nicht mehr, was da genau draufstand). Eventuell ist es sogar ein Kandidat für das Buch des Jahres. We will see.

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