Why do dragons fly? – S.R. Delany: Stars in My Pocket Like Grains of Sand

Ich habe es erst jetzt entdeckt. Ich gebe zu: Ich schäme mich ein wenig.

„Of course“, they told him in all honesty, „you will be a slave.“
His big-pored forehead wrinkled, his heavy lips parted (the flesh around his green, green eyes stayed exactly the same), the ideogramme of incomprehension among who’s radicals you could read ingnorance’s determinant past, information’s present impossibility, speculation’s denied future.

Das ist der Anfang von Samuel R. Delanys Roman Stars in My Pocket Like Grains of Sand, auf Englisch erschienen 1984 (auf Deutsch: In meinen Taschen die Sterne wie Staub). Schon die ersten beiden Sätze machen deutlich, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Space Opera zu tun bekommt. Obwohl es sehr viel Space gibt. Und sehr viel Opera. Doch darüber hinaus hat Delany eine Auseinandersetzung mit Gender-Stereotypen geschaffen, mit Sprache und wie sie die Wahrnehmung formt, mit Machtsystemen, Interkultureller Kommunikation, Information und Informationskontrolle, Ökonomie, Politik und Religion. Vor allem aber ist Stars… ein Buch über Verlangen, über Begehren, das, vielleicht oder vielleicht auch nicht, Liebe sein kann.
In einem langen Prolog erzählt Delany von Rat Korga, ungebildet, unbelesen. der sich einem „Radical Anxiety Treatment“ unterzieht. Keine Angst, keine Sorgen mehr – aber auch keine Möglichkeit mehr, „Nein“ zu sagen. Korga wird willenloser Arbeitssklave. Die nachfolgenden Teile wechseln in die Sicht des Industrie-Diplomaten Marq Dyeth vom Planeten Velm. Als einer von wenigen Privilegierten reist Marq zwischen den Sternen. 6.200 und ein paar Planeten gibt es, die von Menschen und indigenen Aliens bevölkert sind, die meisten davon aufgespalten auf zwei Macht- und Wertesysteme, Family und Sygns. Information ist jederzeit jederorts zugänglich, über „General Information“ direkt ins Gehirn projiziert; Kontrollinstanz des Informationsflusses ist das Web – eine Instanz, die nicht nur entfernt an das erinnert, was Google heute ist. Eines Tages erfährt Marq, dass eine ganze Welt der Zerstörung anheim gefallen ist. Es gibt nur einen Überlebenden: Rat Korga – und der ist, wie das Web ausgerechnet hat, bis auf ein paar Dezimalstellen Marqs perfekter Sexualpartner…

Es ist schwierig, Stars… auf diese Inhaltsangabe herunterzubrechen, ohne sich in den Details zu verlieren. Es gibt einfach so viele Details. Unter den auffälligsten ist die Sprache: Delany, scharzer, schwuler, US-amerikanischer Schriftsteller, lässt eine Spielart der feministischen Linguistik in Aktion treten. Auf fast allen 6.200+ Welten ist es üblich, Personen unabhängig von Geschlecht und Abstammung als „Frau“ zu bezeichnen und mit dem Personalpronomen „sie“. Der Begriff „Mann“ hat nur in antiker Poesie überlebt, das Personalpronomen „er“ referiert lediglich auf Personen, die der Sprecher sexuell anziehend findet. Ich bin kein Anhänger feministischer Linguistik, der hier zu lesende Versuch greift meiner Meinung nach auch zu kurz. Als sprachliches Experiment war es aber interessant zu lesen. Es war spannend zu beobachten, wie es meine eigene Wahrnehmung beeinflusst, wenn Protagonisten nicht mehr eindeutig als Männlein oder Weiblein zu identifizieren sind (als ob das wichtig wäre. Ist es wichtig?)

Stars… ist nun ein Buch, das ein wenig Geduld erfordert. Der Mittelteil schäumt über vor Ideen, jede für sich genommen faszinierend, beeindruckend, erstaunlich, beschrieben mit vielen schönen Worten. Wenn ich nun etwas verabscheue, dann sind es Autoren, die fürchterlich viele Worte brauchen, um fürchterlich wenig zu sagen. Die ihre Inhaltsleere hinter möglichst komplizierten Strukturen oder einfach hinter möglichst viel Länge verstecken (ja, ich weiß, dass das hier lang ist!). Auch Delany macht manchmal furchtbar viele Worte, die kaum etwas sagen. Aber er sagt es schön (und wenn jemand tatsächlich mehr Klammern in einem Text benutzt als ich, kann mir das nur sympathisch sein) und es gefiel mir. Er komponiert seine Geschichte klug; wie klug, bemerkt der Leser manchmal erst, wenn der Autor ihn mit der Nase darauf stößt. Dann muss man zurückblättern, noch einmal lesen, noch einmal staunen. Auch das macht Stars… zu einer eher langsamen Lektüre.
Die Komplexität ist enorm, springt die Geschichte doch von Stern zu Stern, von Kultur zu Kultur, von Thema zu Thema, auf geradezu lächerlich wenige Seiten. Dennoch ist Stars… kein schwer verständliches Buch.
Es sei denn natürlich, ich habe es nicht verstanden.
Die Möglichkeit besteht.
Es ist kein Pageturner, dennoch mochte ich es kaum aus der Hand legen. Es ist witzig, kein Haha-Humor, sondern eine feine, leise Ironie, ein erstaunlicher Sprachwitz. Es ist auf jeden Fall ein Buch, das viel zu viel will, das viel zu viel auf viel zu wenig Platz quetscht, das stellenweise zum Erbrechen prätentiös wird – und an anderen Stellen fast unerträglich schön.
Einige Szenen sind überaus bewegend: Während seines Sklavendaseins bekommt Korga die Möglichkeit, dank General Information lesen zu lernen – und was das für eine Art von Lesen ist! Erschreckend/verlockend. Innerhalb von Minuten verändert, erweitert sich sein Geist. Genauso schnell wird ihm diese Möglichkeit wieder genommen: ein fast fühlbarer Schmerz. Die erste Begegnung von Marq und Korga: sexuelle Anziehung, Begehren, vielleicht Liebe. Marqs Rede gegen Ende des Buches, eine Rede über die Natur des Verlangens und des Verlustes: nahe an Perfektion. Und dann gibt es natürlich noch die Drachenjagd.

Leider, leider, leider ist Stars… nur die erste Hälfte eines Zweiteilers, dessen zweite Hälfte, The Splendor and Misery of Bodies, of Cites, nie geschrieben wurde und nie geschrieben werden wird. Aber ich hab ja nach solchen Enden gefragt…

Die Rezensionen bei Goodreads und teilweise auch bei Amazon weisen übrigens auf einen erstaunlichen Effekt hin: Während beim ersten Lesen der Sense of Wonder zu greifen scheint, scheint Stars… ein zweites Lesen weniger gut zu überstehen. Ich habe zum ersten Mal gelesen: Ich habe es sehr gemocht.
Wer noch mehr interessante Lobhudelei über das Buch lesen möchte: hier entlang bitte.

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