Fantasy Filmfest 2008

Da es mir sowohl an Zeit als auch an Geld mangelte, konnte ich mir in diesem Jahr lediglich vier Filme auf dem Fantasy Filmfest 2008 ansehen. Daher war auch gestern abend schon Schluss. Die Auswahl war hart; aber schließlich erwiesen sich alle vier als sehr gute Wahl. Ich bereute meine Entscheidungen keine Minute. Da die vier Streifen auch recht unterschiedlich waren, habe ich auch eine ganz gute Bandbreite abgedeckt.

Hier meine Four of Choice in der Einzelkritik. Mit Fußnoten.

Repo! The Genetic Opera.

Gentechnik! Singende Menschen! Anthony Stewart Head! Und Paris Hilton! Klar, das musste ich sehen.

Wir schreiben das Jahr 2057, ein großer Teil der Menschheit wurde von einer Seuche dahingerafft, welche die inneren Organe versagen lässt. Rettung kommt vom Konzern GeneCo: Dank Genetic Engineering kann jedes Organ ganz leicht ersetzt werden. Doch nicht nur Gesundheit ist das Ziel: Der Schönheitswahn beschränkt sich nicht mehr nur auf das Äußerliche, er greift über auf das Innerliche. Vergesst Körbchengröße D, Röntgen-Bilder sind das neue PinUp. Doch wehe, die Kunden bezahlen die Ware im Anschluss nicht – dann kommt der Repo-Man und schneidet die Organe ratz-watz wieder raus.
Eine Oper braucht natürlich Drama, braucht Pathos, daher gab es obendrauf noch eine Geschichte um ein krankes, hübsches Mädchen, einen liebenden Vater und eine tote Mutter.
Repo! war unblutiger, als ich es erwartete, aber extrem unterhaltsam. Natürlich sind die Gesangsqualitäten der einzelnen Darsteller sehr unterschiedlich und beizeiten unterirdisch. Das verringert den Spaß an der Sache nun überhaupt nicht. Die Optik orientiert sich am Steampunk, Gebäude und Kostüme sind entsprechend viktorianisch. Alexa Vega gibt ein zuckersüßes Emo-Mädchen, Sarah Brightman darf eine Rolle spielen, wie sie sonst Helena Bonham-Carter spielt, und Paros Hilton spielt sich einfach selbst: Das verzogene, reiche Töchterchen, das gerne singen können würde und des nächtens leichtbekleidet durch die Gegend rennt (allein, das Frau Hilton diese Rolle angenommen hat, zeigt, dass sie eines auf jeden Fall hat: Selbstironie. Und das sie eines auf keine Fall ist: blöd).
Vergleiche mit The Rocky Horror Picture Show liegen nahe. Beide Filme beruhen auf einem Musical, beide Filme bedienen sich der Fetische ihrer Zeit. Dennoch finde ich den Vergleich nicht passend: The Rocky Horror Picture Show lebt durch das subversive Element; sie lässt zumindest die Deutung zu, dass das Neue, das Andere auch ein positiven Gegenentwurf zu herrschenden Umständen sein kann. Anders dagegen Repo!: Der Gegenentwurf ist hier rein rückwärtsgewandt. Als Alternative zum genetisch-manipuliertem und durch Drogen erträglich gemachtem Schönheitswahn steht hier explizit gar nichts, implizit nur ein romantisch-naives „Zurück zur Natur“.(2)
Leider hat der Film dann noch einen weiteren Schwachpunkt: Die Musik. Für eine Oper natürlich extrem tragisch. So sehr sich die Komponisten anscheinend auch bemüht haben, sich von vielen unterschiedlichen Strömungen inspirieren zu lassen – die Rock-Themes sind langweilig, die Melodien klingen auch wie 1000 Mal gehört und es fehlt der große Ohrwurm. Am Ende bleibt nichts der ständigen LaLa hängen, außer dass Alexa Vegas Solo „Seventeen“ verdammt nach Avril Lavigne klingt. Ich habe während des Films auch die ganze Zeit überlegen müssen, an wen mich die gute Alexa eigentlich erinnern. Sonntag kam ich dann endlich drauf: Lisa Bund!(2) Nicht vom Aussehen, offensichtlich. Aber ihre Stimme klingt genauso wie die der Ex-DSDS-Kandidatin.
Trotz der Meckerei: Der Film hat Spaß gemacht. Sehr viel Spaß.(3)

Let the Right One In (So finster die Nacht)

Kinder in Filmen sind entweder nervig – Newt, Anakin Skywalker – oder beängstigent – Kevin allein zu Haus, Samara aus The Ring. Einige sind auch beängstigend nervig, etwa Haley Joel Osmond.
Oskar, Hauptfigur dieses Films, ist 12 und vor allem: einsam. In der Schule hat der stille, blasse Junge unter drei Widersachern zu leiden. Der Anführer dieser noch nicht ganz Halbstarken ist ein Aushilfs-Alex, dem seine zwei Freunde ergeben folgen. Gemein, wie nur Kinder sein können, drangsalieren sie Oskar, wo immer sie können.
Oskar sehnt sich nach Freundschaft; seine Chance auf Zuneigung kommt mit Eli in die Stadt. Ein seltsames Mädchen – und, wie schnell klar wird, ein Vampir. Zunächst begegnet sie Oskar noch abweisend. Dann jedoch lässt auch Eli sich auf die Freundschaft ein.
In lichten, zarten Bildern erzählt Regisseur Tomas Alfredson die Geschichte der fragilen Beziehung zweier Außenseiter. Trotz der traurigen Grundstimmung rutscht der Film nie ins Depressive ab; nach Hause ging ich vielmehr mit einem sehr warmen Gefühl. Zudem sind die beiden jungen Hauptdarsteller atemberaubend gut in ihren Rollen.
Dass Eli ein Vampir ist, erweist sich für die Freundschaft als genauso rettend wie zerstörerisch. Der Film bedient sich an klassischen Vampirmythen, verzichtet aber weitgehend auf klischeehafte Bilder. Die Horror-Szenen werden von einem sehr bösem, sehr schwarzem Humor begleitet. Die einzelnen Szenen stimmen bis ins kleinste Detail: Auf dem weißen Schnee und den hellen Wänden in Elis Wohnung hebt sich das Blut ganz besonders gut ab; die schäbige Leere von Elis Zuhause spiegelt treffend die Einsamkeit des Vampirmädchens. Und als an einer der Protagonisten bei blutiger Tätigkeit von einem Hund gestört wird, taucht nicht etwa irgendein Hund auf: Es ist ein getrimmter weißer Königspudel. Schließlich sind es auch die liebevoll erzählten Nebengeschichten, die Geschichten von Elis „Opfern“, die den Film zu etwas ganz Besonderem machen.
Mein Highlight und ab sofort auf meiner Ewigenliste.

The Strangers

The Strangers ist ein im besten Sinne konservativer Film. In der Tradition klassischer Schocker erzählt er die Geschichte vom Pärchen im einsamen Landhaus, in dessen Leben plötzlich das unbekannte Böse eindringt und nur ein Ziel kennt: Töten.
Bryan Bertino bedient sich aller traditionelle Elemente, die ein derartiger Film so braucht: Der abgelegene Schauplatz, das zerstrittene, natürlich unverheiratete Pärchen, die nervenzerreißende Musik, das überraschende Auftauchen der Bösewichter, das vom Gekreische der Hauptdarstellerin begleitet wird.
Diese Versatzstücke funktionieren immer noch erstaunlich gut. Natürlich weiß man, was einen erwartet, wenn die Musik sich steigert, Liv Taylor langsam auf den Vorhang zugeht, es erst einen falschen Alarm gibt, aber dann, dann dreht sie sich um und… natürlich weiß man, da steht dann der Mann mit dem Kartoffelsack über den Kopf. Man erschrickt trotzdem. Nie hätte ich gedacht, dass Männer in Kartoffelsäcken so unheimlich sein können. Oder Frauen in lächerlichen Plastikmasken. Vor allem die Musik wird bei The Strangers grandios eingesetzt.
Anders als Wes Craven für seine Scream-Reihe persifliert Bertino die klassischen Motive nicht. Bei ihm sind sie buchstäblich todernst.
Und wie es sich für einen solchen Film gehört, ist die weibliche Hauptfigur strunzdumm. Zwar gibt es keine Treppen, über die sie vor den Eindringlingen nach oben flüchten könnte, wie es Horrorfilm-Frauen sonst so gerne tun, um dann wie das Kaninchen in der Falle zu sitzen. Dafür flüchtet sie nach draußen – und rennt barfuß durch Gelände. Nachts. Und versteckt sich im Wandschrank. Der natürlich Lammellentüren hat.
Aber das kennt man, damit kann man leben. Ein Problem hat der Film – wie alle Filme dieser Art – dennoch für mich: Die Schockeffekte nutzen sich ab. Und sobald mal alle drei Fremden auf der Leinwand aufgetaucht sind, geht es mit der Spannung rapide nach unten.
Für den sonntäglichen Mädelsabend war der Film trotzdem genau das Richtige.
(Aber das Kleid, mit dem Liv Tylor eine Hochzeit besucht, erinnert mich noch immer an ein Nachthemd meiner Oma.)

Downloading Nancy

Er trägt rosa Polohemden, ein güldenes Kettchen am Handgelenk, er spielt leidenschaftlich gern Golf und trinkt Pepsi light. Kurz gesagt, Albert ist ein Arschloch(4).
Seine ganze Liebe gilt seinem Golfraum, seiner Frau Nancy begegnet er mit Gleichgültigkeit.
Nancy dagegen ist das verletzte Kind, das provoziert, das Gewalt will, um wenigstens etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Nancy ist die in ihrer Kindheit mißhandelte depressive Frau, die Schmerzen braucht, um überhaupt etwas zu fühlen.
Das ist natürlich etwas küchenpsychologisch. Aber Nancy will mehr als nur Schmerzen, sie will das Ende aller Schmerzen, das Ende von allem. Der Tod als letzte, aber auch als introvertierteste Protesthandlung. Schließlich findet sie einen Mann, der ihr Erlösung geben will.(5)
Es ist eine Art stille Drastik, mit der hier die Todessehnsucht einer Frau offengelegt wird. Unterkühlt fotografiert erinnern die blaustichigen Gesichter der Protagonisten an Fotos aus einem Leichenschauhaus. Diese Kühle schafft zunächst Distanz – die Großaufnahmen der Gesichter bringen dann den Zuschauer aber ganz nah an die Figuren heran. Auch das großartige Ensamble sorgt dafür, dass einen die Charaktere nicht loslassen: Maria Bello spielt die trotzige Verletzlichkeit ihrer Nanvy hervorragend. Rufus Sewell gibt seinen Albert als richtigen Wichser, der dann allerdings keineswegs gefühllos ist, daür aber ein ganz armes Würstchen. Im Verlauf wird der Film emotional immer anstrengender, was sich in einer genauso stillen wie ergreifenden Szene entlädt; diese ist weniger schockierend als vielmehr todtraurig.
Die Meinungen des Publikums auf dem FFF waren sehr zwiespältig, kommentare reichten von totaler Zeitverschwendung bis zu einigen Einsern auf den Bewertungskarten. Ich fand nun Downloading Nancy keineswegs einen überaus anstrengenden Film – kein Vergleich etwa mit Dancer in the Dark – aber beeindruckend und bewegend. Lediglich der Gegensatz zwischen der überzogenen, überpointierten Charaktersierung Alberts und Nancys realistischer Verzweiflung am Leben erschien mir widersprüchlich. Vielleicht war es Absicht, als weiterer Hinweis, wie verschieden diese Paar ist, wie wenig Verständnis es in der Beziehung gibt. Warum sie sich jemals verliebt haben, warum sie jemals geheiratet haben, ob es in der Vergangenheit mal Zuneigung gab, bleibt für den Zuschauer vollkommen im Dunkeln.
Aufs FFF passte Downloading Nancy meiner Meinung nach nicht so ganz; kein fantastisches Element, kein Blood and Gore, keine Schock-Momente, kein Grusel… dafür ein wirklich guter Film.

Leider verzichten musste ich auf The Broken – kollidierte mit einem anderen Film – und Mother of Tears, mit dem ich gerne meine Dario Argento Serie vervollständigt hätte. Außerdem habe ich mir auch keinen der Filme aus dem Asien-Schwerpunkt angesehen. Allerdings hat mich davo auch keiner so wirklich angesprochen.

Allgemein hatte ich den Eindruck, dass bei den meisten Filmen die Linie weiterverfolgt wird, die Saw und Hostel eingeschlagen haben. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass es dieses Jahr recht viele Folter-Filmchen gab. Die sind nicht mein Fall, weniger, weil ich was gegen filmische Gewaltverherrlichung hätte oder kein Blut sehen könnte. Aber kennt man einen, kennt man alle. So viele innovative Wege, Menschen zu zerlegen, kann man sich auch wieder nicht ausdenken. Außerdem finde ich das, was man nicht sieht, immer noch viel spannender als das, was in aller Blutrünstigkeit zelebriert wird.
Es ist nur in deinem Kopf, erzählt einem ja dann auch die 13th Street Werbung vor jedem Film aufs Neue. Und dass keiner der Dauerkartenbesitzer während des Werbeblogs amoklaufend gegen die Leinwand springt, fasziniert mich an Filmfestivals eigentlich am meisten.

(1) Natürlich ist auch TRHPS letzten Endes rückwärtsgewandt, kommt doch das spießige Pärchen viel besser weg als Frank´N´Furter und Konsorten – aber das hier ist kein Filmseminar.
(2) Der Nachteil, wenn man Casting-Shows guckt: Jeder erinnert einen irgendwann an einen Ex-Teilnehmer.
(3) Falls jemand ihre Erwähnung vermisst: halbnackte Krankenschwestern. So.
(4) Ich fand es wirklich sehr interessant, dass Autoren oder Regisseur hier genau die äußerlichen Attribute gewählt haben, die meiner Meinung nach ein Arschloch ausmachen. Wahrscheinlich bin ich doch sehr Mainstream.
(5) Wahrscheinlich war das jetzt ein Spoiler. Das Nancy sterben will, ist aber sowieso nach fünf Minuten Film klar.

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