Stammzellen zum letzten

Ich habe sehr lange für meine Meinungsfindung in der Stammzellenfrage gebraucht. Erst heute, kurz vor 12 sozusagen, einen Tag vor der abschließenden Bundestags-Debatte bin ich mir mit mir selbst einigermaßen einig geworden.
Ich neige zu absoluten Antworten, verabscheue Wischi-WaschiKompromisse – ja oder nein, entweder oder, ab nicht so etwas Unbestimmbares dazwischen. Im Zusammenhang mit den morgigen Anträgen hieße dies Hüppe oder Flach, komplettes Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen oder die totale Liberalisierung. Der Stichtag ist ein fauler Kompromiss, bedeutet er doch, dass Embryonen, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden, weniger Menschenwürde besitzen als jüngere Embryonen. Eine Aufweichung des Stichtags ist damit ein noch faulerer Kompromiss.

Doch diese Argumentation hakt ganz gewaltig. Ich bin für ein generelles Recht auf Leben – und Leben beginnt bei mir halt schon ab dem recht frühen Zeitpunkt der Verschmelzung von Eizelle und Spermie. Andererseits bin ich für Forschungsfreiheit. Die embryonalen Zellen, um die es in dieser Diskussion geht, wachsen ja auch nicht im Mutterleib heran, sie sind bei der In-Virto-Befruchtung „übriggeblieben“. Wenn sie nicht in der Forschung zum Einsatz kommen, frieren sie in aller Ewigkeit in Stickstoff vor sich hin, denn für was anderes verwenden darf man sie ja auch nicht. Warum also nicht was sinnvolles damit anstellen?

Aber darf man ein Leben für ein Leben aufwiegen? Sind im Reagenzglas erzeugte embryonale Zellen Menschen, potenzielle Menschen oder einfach „nur Zellen“? Entscheidet die Art der Zeugung, der Herstellung darüber, ob einem Haufen Zellen die Menschenwürde zuerkannt wird? Darf man in Anbetracht dieser einiger weniger Zellen überhaupt schon von Menschenwürde sprechen? Ist man kaltherzig, wenn man es nicht tut? Muss man diese Diskussion mit ethischen Aspekten überemotionalisieren – sollten in wissenschaftlichen Fragen nicht besser wissenschaftliche Argumente zählen?
(Und, etwas anderes Thema, sollten sich vor allem die Religionsvertreter nicht endlich mal aus der Wissenschaft heraushalten und beten gehen?)

Viele der wissenschaftlichen Argumente dieser Debatte erschienen mir nun sehr einleuchtend, sowohl die der Stammzell-Gegner wie die der Befürworter. In der letzten Woche hatte ich nun die Gelegenheit, mich noch ein wenig intensiver mit ihnen zu beschäftigen. Natürlich auch durch ideologische Überzeugungen gefärbt (ich hospitiere gerade im Büro von jemandem, der federführend für einen der vier Bundestags-Anträge verantwortlich ist). Ich kann natürlich nicht sagen, inwieweit das meine Meinung beeinflusst. Ich denke aber nicht, dass ich plötzlich zur gläubigen Katholiken mutieren würde, säße ich eine Woche in Bayern bei der CSU. So leicht zu brainwashen bin ich dann doch nicht – und bin entfremdet genug von meiner Arbeit, um zwischen meiner Meinung und der meines Arbeitgebers zu differenzieren.

In den letzten Tagen stieß ich gehäuft auf Aussagen von Experten, von Biologen und anderen Forschern, die keine gefahr durch Verunreinigung der älteren Stammzelllinien sehen, die die Tumorgefahr durch embryonale Stammzellen betonen und die auf die Forschung an adulten Stammzellen setzen. Überhaupt ist da die Frage, was die Forschung an embryonalen Stammzellen eigentlich bringt. Ein großer Durchbruch ist bis jetzt noch nicht gelungen.
Eine komplette Ablehnung der Stammzellenforschung würde mich jedoch in den Augen vieler in dieselbe fundamentalistisch-religiöse Ecke drängen, in die mich meine Haltung zur (oder besser gegen) die Abtreibung stellt. Obwohl, wie eigentlich klar sein sollte, ich mit Religion nun wirklich nichts am Hut habe (und ich mich auch in der Abtreibungsfrage von meinem kompromisslosen Standpunkt mehr und mehr entferne. Was nicht heißen soll, dass ich irgendwann dafür sein werde, Babys zu töten).
Eine totale Freigabe embryonaler Stammzellen habe ich zur reinen Provokation mal ab und zu gefordert – doch immer mit Bauchgrímmen (vielleicht waren es ja meine Eizellen, die sich da zu Wort meldeten).

Den letztlichen Ausschlag gaben heute dann ein Leitartikel in der Welt (ja, ausgerechnet) und dieser Artikel in der taz: „Mein Ei gehört mir.“ Diese Argumentation finde ich bis jetzt am schlüssigsten.

Ein bisschen erschreckend ist es ja schon, wenn man mit 26 plötzlich feststellt, in der Realpolitik angekommen zu sein.

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