Konsumterror

Das Kleid stand mir, davon war ich überzeugt. Schwarz, rote Ranken, knallroter Gürtel, Fledermausärmel, Ende handbreit über Knie. Total unpassend für die gefühlten -5 Grad außerhalb des Ladens. Der perfekte Kauf.
Beim Verlassen der Umkleidekabine gerate ich ins Blickfeld der Verkäuferin. „Oh, das sieht ja total süß aus!“
Süß? SÜSS? Ich zurück in die Umkleidekabine, raus aus dem Kleid, wortlos raus aus dem Laden. Ohne Kleid, natürlich.

Nächste Station Optiker. Auswahl zwischen rot (dazu hab ich nichts passendes zum Anziehen. Das schwarz-rote Kleid hätte dazu gepasst, aber… na ja.), schwarz (zu dunkel), silber (wäh, hab ich schon) und hellbraun. Die passt, wackelt und hat Luft. Optikern sieht mich an und – was sagt sie? „Die sieht total süß bei dir aus.“
Die Brille habe ich dann trotzdem genommen. Und einen hysterischen Anfall unterdrückt.

Zum Frisör. Als Trotzreaktion meine Haare nicht wie geplant Schokobraun sondern fast Schwarz gefärbt. Nach dem Fönen frustriert festgestellt, dass ich nicht viel anders aussehe wie zuvor: harmlos, zu jung, „süß“. Nur jetzt eben dunkelhaarig.
Immerhin hat sich die Frisörin das verhasste Adjektiv verkniffen. Generell war sie angenehm ungesprächig. Am Abend musste dennoch das Glätteisen ran.

Mir gehen langsam die Ideen aus. Wann kapiert die Menschheit, dass man als erwachsene Frau nicht „süß“ genannt werden will? Kleine Hunde mit großen Pfoten sind süß. Oder kuschelige Küken. Kleine Hunde und kuschelige Küken sind aber auch strunzdumm. Das ist doch kein erster Eindruck, den man hinterlassen will.

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