Von Mädchen und Jungs

BaWüs Sozialministerin Monika Scholz will zeitgleich zum Girls Day einen Boys Day abhalten. Schreibt der Print-SPIEGEL. In „sozialen“ Berufen wie etwa im Kindergarten oder der Schule fehlten Jungen und Männer, heißt es weiter. Während der Girls Day Mädchen nun Einblick in „tpische Männerberufe“ wie Elektriker oder so gibt, soll Jungs Nähen und Kindererziehung nähergebracht werden. Die Boys-Day-Idee stößt sowohl bei Feministinnen als auch bei Männerechtlern auf Kritik. Die Jungs selbst machen anscheinend gerne mit, glaubt man dem Artikel, wollen aber trotzdem lieber Automechaniker werden. Und die Mädels werden auch lieber Bürokauffrau oder Friseurin anstatt Industriemechanikerin.

Ist dieses Verhalten jetzt anerzogen? Ich habe keine Ahnung, und ehrlich gesagt, ist es mir auch egal. Ich sehe in dem Boys Day eine Chance, dass es irgendwann keine Tage für Mädchen und Jungs mehr gibt, sondern Tage für alle Kinder. Dass irgendwann einfach jeder selbst entscheiden kann, welcher Beruf ihm oder ihr Spaß macht, ob er oder sie jetzt Haare schneiden oder Autos reparieren will. Ohne, dass da eine Feministin steht und einem Mädchen ein schlechtes Gewissen einredet, weil sein Berufswunsch Kindergärtnerin ist, oder weil es sich lieber schminkt und shoppen geht als Ölwechsel durchzuführen.

Ich habe als Kind gerne mit Barbies gespielt. Ich habe ihnen die Haare geschnitten und ihnen Klamotten genäht. Ich liebte ihre Glitzerkleider, ihr Parfüm. Ich hasste ihre Schuhe, weil die ich immer gleich am ersten Tag verlor. Mein erster Berufswunsch war Frisöse (gut, der allererste war Privatdetektivin, aber das war etwas unrealistisch). Auch heute noch finde ich es faszinierend, Menschen beim Haarestylen zuzusehen. Ich kann Stunden vor dem Spiegel stehen und mich anmalen. Ich male generell gerne Sachen an, Wände, Papier, mein Gesicht, die Gesichter anderer Menschen. Meine Nägel nicht mehr so gerne, Nagellack blättert ab beim Tippen.
Schaltkreise haben mich dagegen nie interessiert. Wie ein Fernseher oder ein Radio oder ein Auto funktioniert, war und ist mir egal. Ich will es einschalten und dann hat es zu funktionieren. Wenn es das nicht tut, habe ich meistens eine gewisse Ahnung, woran es liegen könnte, soviel habe ich doch aufgeschnappt. Ich kann Abflüsse reparieren und weiß, wo beim Computer die Festplatte und wo die Grafikkarte hingehört. Ich weiß zumindest theoretisch, wie man einen Reifen wechselt – ich habe kein Auto, daher entfällt die Notwendigkeit. Ich kann nicht programmieren. Ich habe es mal gelernt, aus Mangel an Interesse aber nie geübt.
Wäre ich anders, wenn ich ein Mann wäre?

Ich habe in meiner Kindheit Pferdebücher verschlungen. Und eine alte Buchreihe, Überbleibsel meines Vaters, in der Kinder mit einer Art Amphibien-Raumschiff durch die Gegend fliegen. Seitdem weiß ich, wie U-Boote funktionieren und wie künstliche Schwerkraft nicht funktioniert. Ich habe die grimm´schen Märchen-Prinzessinen  gehasst, diese passiven Ja-Sager, die auf ihren Prinzen in glitzernder Rüstung warteten, anstatt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Heldin meiner jungen Teenagerjahre war Agent Scully – die war Gerichtsmedizinerin, die hat Menschen aufgeschnitten. Ziemlich cool.
Hätte ich als Junge andere Sachen gemocht?

Überhaupt, Barbie. Ist die eigentlich immer noch so ein Hassobjekt bei Feministinnen? Ich fand sie nie frauenfeindlich. Über ihr Aussehe, über diesen unrealistischen Körperbau, habe ich mir damals auch nie Gedanken gemacht. Wichtig war: Barbie konnte alles sein, was sie wollte – Astronautin, Model, Ärztin, Rettungsschwimmerin, Rockstar. Alles, solange es nicht Hausfrau und Mutter war.  Sie konnte alles haben, was sie wollte: Pferde, Autos, Motorräder, schicke Kleider. Und in diesem ganzen Universum gab es dann einen Mann, diesen Ken, der ihr die Handtasche hinterhertragen durfte. Oder ihre Schuhe suchen, was aber meistens ziemlich vergeblich war.
Meine anderes Lieblingsspielzeug – neben Lego, Playmobil, Mein Kleines Pony, ect. pp. – hieß She-Ra. Prinzess of the Universe. Zur Erklärung: Das ist die Schwester von He-Man, Master of the Universe. Im She-Ra-Universum herrschten ebenfalls Frauen. Gute wie böse. Auch hier gab es, abgesehen von He-Man, der nie wirklich zählte, da er nur der Bruder war, nur einen Mann. Und der war strunzdumm. Eine Drohne. Seine einzige Aufgabe: Die Prinzessin begatten.
Wäre ich feministischer, hätte ich mit Autos und Bohrmaschinen gespielt?

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3 Antworten zu “Von Mädchen und Jungs

  1. „…Wäre ich feministischer, hätte ich mit Autos und Bohrmaschinen gespielt?“

    Wäre ich männlicher, wenn ich als Kind keine Brille getragen hätte (teilweise)? 😉
    LG aus B-Reinickendorf

  2. Super Kommentar. Mir gefällt vor allem dass Du „klassische“ feministische Positionen nicht unreflektiert übernimmst. Welche Männerrechtler sind denn gegen einen Boys-Day? Der bekannteste, Warren Farrell, fordert „Mehr (männliche) Kindergärtner!“ in Mythos Männermacht. Wichtiger ist außerdem, dass Kingergärtner auch realistische Chancen haben eine Familie zu gründen. Der soziale Status von Ärtzten und Anwälten wirkt auf viele Frauen deutlich attraktiver.

    Beste Grüße aus Cambridge.

  3. Sozialer Status ist ein guter Punkt. Hatte ich noch nicht ganz bedacht, möchte mich da aber in nächster Zeit auch mal schlau machen, ob es da vielleicht Studien dazu gibt (die über das gewöhnliche RTL-Niveau „Hey, welcher Mann wirkt denn attraktiver, der Arzt oder der Kindergärtner“ hinausgehen). Subjektiv meine ich auch, dass es für viele Frauen wichtig ist, dass ihr Mann / Freund einen Beruf mit einem zumindest gleich hohen sozialen Status ausübt. Davon kann ich auch mich selbst nicht ganz ausnehmen – obwohl ich weiß, dass das eigentlich keine Rolle spielen sollte.
    Wie gesagt, interessanter Aspekt.

    Ich muss noch mal im Spiegel nachgucken, welche Männerrechtler der Artikel zitiert hat. Waren auf jeden Fall deutsche Verbände.

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