Unkohärentes zu 9/11 und Terrorismusgefahr

Terror ist ein guter Wahlkampfhelfer – hatte ich den Eindruck, als ich mich gestern nacht durch die Nachrichtensendungen zappte. Der eine (Guiliani) profoliert sich als Held von 9/11, die andere (Clinton) will den Leuten zeigen, dass der Held von 9/11 doch nicht so heldenhaft ist, weil er die gesundheitlichen Langzeitfolgen vernachlässigt, und wieder ein anderer (Schäuble) rechtfertigt mit einer „drohenden Terrorgefahr“ verstärkte Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen.

Nein, Moment, das letzte ist der verschwörungstheoretische Ansatz. Es fällt leicht, den zu entwickeln, im Moment: Gerade, wenn sich die Bevölkerung nicht ganz so unsicher fühlt, Sicherheitsmaßnahmen aber dennoch durchgesetzt werden sollen, gerade dann werden drei mutmaßliche Terroristen festgenommen. What a Coincidence. Andererseits: Gar kein so großer Zufall vielleicht, sechs Jahre nach 9/11 ist halt auch für Terroristen ein symbolisches Datum.

Da umkreisen sich zwei, beide Seiten (soweit man von Seiten sprechen kann) brauchen ein „Erfolgserlebnis“. Merkwürdigerweise fühle ich mich gar nicht bedroht. Keine Ahnung, ob das an meiner Hybris liegt, meiner Ignoranz oder sonstwas – Vertrauen in Polizei und Geheimdienste und BMI sind es nicht unbedingt, also schon auch, da sitzen ja keine Idioten, ich gehe schon davon aus, dass die wissen, was sie da tun, zumindest ansatzweise – aber ich fühle mich hier in diesem Land nicht unsicher.

Nur geht es seit sechs Jahren nicht wirklich weiter. Die Diskussionen gestern waren dieselben wie im Jahr davor, im Jahr davor, im Jahr davor, im Jahr davor, im Jahr davor. Und nur ein klein wenig anders als im Jahr davor. Keiner sagt mal was neues. Die Ursachen, die inneren Ursachen, was Menschen in den Terrorismus treibt, sind schon oft auszuloten gesucht worden, so auch gestern wieder, bei Maischberger habe ich es mitbekommen. Ein Mann, der seine Schwester bei den Anschlägen 9/11 verloren hatte, hat überraschend für mich einige sehr kluge Dinge gesagt, schien ein sehr überlegter Mensch zu sein – nur, neu waren die auch nicht. Ob richtig oder nicht ist sowieso noch mal ne andere Frage. Eine Frau, die ihren Sohn bei Anschlägen auf Bali verloren hat, habe ich mir nicht angehört, das Fremdschämen war zu groß. Als ich dann Schäuble nicht mehr zuhören konnte, weil er mich so verwirrte, weil er immer „Pakischtan“ und „Terrorischten“ sagte, da bin ich ins Bett gegangen.

Um heute morgen in den Nachrichten zu hören, dass sich bei der Eröffnung des hässlichen Alexa-Kaufhauses mehrere Hundert Menschen über den Haufen gerannt haben, damit sie als erster an die Schnäppchen im neuen Mediamarkt kommen. Böse Gedanken: Was verdienen Menschen eigentlich, moralisch gesehen, die sich für eine billige Waschmaschine – die wahrscheinlich eh nicht länger hält als die Garantie – schon gegenseitig tottrampeln? Scheiß Kapitalismus. Wieder eingeschlafen, dann einkaufen gegangen, nicht im Alexa, in anderen Multi-Store-Shopping-Malls, Konsumterror galore. Unbeleckt auch vom leisesten Anflug eines schlechten Gewissens.

update zu alexa: erst lesen, dann motzen, indymedia-leser wissen mehr usw. usf. gucksdu hier

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